HuK Hannover e.V.

 

Landesbischof Ralf Meister spricht vor der Landessynode zu Fragen der Orientierung

 

Biblische Erzählungen übergeben uns nicht präzise, unmittelbare Ordnungsvorstellungen, sondern zeigen, wie Menschen mittelbare Deutungen vorgenommen haben.“ Diese Unterscheidung betonte Landesbischof Ralf Meister in seinem aktuellen Bericht vor der in Hannover tagenden Landessynode. Er stellte aber klar, dass Gottes Weisungen und die Auslegungen der biblischen Texte „zentrale Hilfen“ für die Erstellung von Orientierungen geben. Sie seien der „Kompass“ für das christliche Menschenbild, die Weltbetrachtung und Gottes Handeln an der Welt. „Der Mensch bleibt ein für Gott und Welt offenes Wesen. Die menschlichen Ordnungen allerdings sind nicht statisch.“

 

Im Laufe der Menschheitsgeschichte seien bereits viele Weltbilder gefallen und hätten sich ändern müssen. „Heute scheinen sich anthropologische Grundannahmen und ethische Standards im Sauseschritt zu verändern.“ Diesem raschen Wandel mit der Behauptung eines von Gott geschaffenen Ordnungssystems zu begegnen, sei eine Form, dieser Vielfalt entgegenzutreten. „Ich halte den Begriff der Schöpfungsgemäßheit im Sinne eines fixierten Ordnungsbegriffs für nicht zukunftsfähig. Allerdings, glaube ich, sind Institutionen und Ordnungen als Koordinatensysteme hilfreich. Ja, sie sind sogar zwingend notwendig, wenn diese Welt nicht im Chaos entschwinden soll. Sie bieten Kategorien, in denen zwar keine letztgültigen Lösungen eingetragen sind, aber es sind Modelle, die Orientierungen geben. Es müssen lernende Systeme sein.“

 

In diesem Koordinatensystem existiere für Christinnen und Christen noch eine zusätzliche Achse, die die Beziehung zwischen Gott und Mensch markiere. Es sei nicht die einzige Achse, aber „erst durch sie werden die anderen Achsen profaner Wissenschaften und Erfahrungen balanciert und auch kritisch befragt.“ Die christliche Religion zeichne sich dadurch aus, dass sie sowohl kritisch auf die Entwicklung der Welt als auch auf ihre alten Ordnungen schaue, dabei aber nach einer Sprache suche, „die plausibel macht, wie wir Grund finden in Gott.“

 

„Öffnung stärkt unsere Vorstellung von der Ehe“



 

 

Die Geschlechter-Zweiteilung von Mann und Frau dürfe nicht leichtfertig in Frage gestellt werden, aber sie sei zu öffnen, betonte Landesbischof Ralf Meister in seinem Bericht vor der hannoverschen Landessynode. „Eine solche Öffnung schwächt unsere Ehevorstellung nicht, sondern stärkt sie.“

 

Die von der Bundesregierung im Sommer 2017 eingeführte Ehe für alle sei vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) begrüßt worden. Diese Änderung gründe darauf, dass Homosexualität bereits seit einigen Jahrzehnten „als ein sexuelles Identitätsmerkmal normativ anerkannt“ sei. Er selber habe daher die Entscheidung des Bundestages mit den Worten gewürdigt: „Wir begrüßen es, wenn der Bundestag die Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften öffnet“.

 

Ein mehr als 30-jähriger kontroverser Diskurs in der Landeskirche zu dieser Frage liege hinter allen. Vor drei Jahren habe die Landeskirche dann eine Handreichung für die „Segnung von Paaren eingetragener Lebenspartnerschaften“ in Gebrauch genommen und werde sie auch weiterhin verwenden. „Allerdings gibt es ganz praktische Fragen, die wir neu justieren müssen. Dazu gehören die Registrierung von Eheschließungen an gleichgeschlechtlichen Paaren und eine aktuelle Einführung in diese Liturgie. Denn obwohl es sich bei dem Bundestagsbeschluss um eine rechtliche Klärung handelt – Bundestag und Bundesrat haben beschlossen – müssen wir noch einmal nachdenken, was diese angedeutete Wendung auch theologisch und kulturell bedeutet und wo ihre Grenzen sind.“

 

Kaum ein anderes Thema sei in den letzten Jahren so intensiv und leidenschaftlich, aber auch theologisch so kämpferisch im Ringen um Wahrheit, zugleich auch so menschlich kränkend und sozial diskriminierend behandelt worden wie die Homosexualität.

 

Ich entschuldige mich für alle Diskriminierungen gegenüber homosexuellen Mitgliedern unserer Landeskirche, die durch die Kirche selbst erfolgt sind und bitte dafür um Verzeihung.

 

Die Ehe zwischen Mann und Frau sei in den vergangenen Jahrhunderten sehr unterschiedlich charakterisiert worden, daher müsse man vorsichtig sein mit der Behauptung, ihr Status sei eindeutig fixiert – vielmehr verändere er sich permanent. „Aus einer Vernunft- oder angeordneten Zweiergemeinschaft wurde sie zu einer Form der Zweisamkeit von Menschen, die in Liebe ihre Verlässlichkeit und Verantwortung öffentlich erklären.“

 

Das einzigartige Vorbild Mann – Frau sei nicht mehr allein und exklusiv gültig. „Für mich bleibt es dennoch das biblische Urbild für die Zweiergemeinschaft“, so Ralf Meister. Eine Zweiergemeinschaft in Verbindlichkeit und Treue stehe daher auch unter gleichgeschlechtlichen Paaren unter Gottes Segen. Die Erweiterung des biblischen Bildes der exklusiven Gemeinschaft von Mann und Frau für die Zweiergemeinschaft sei eine entscheidende Veränderung und eine „Intervention in theologische Vorstellungen“, die Jahrtausende lang Gültigkeit hatten. „Ich halte sie für gerechtfertigt.“ Menschliche Ordnungsvorstellungen, die normativ an die Auslegung der Schrift gebunden seien, könnten auch eine „Begrenztheit menschlicher Vorstellungen“ in Hinsicht auf die Vielfalt und den Reichtum göttlicher Schöpfung offenbaren.

 

Mit Hinblick auf die Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose am Anfang der Bibel sagte Meister: „Wie sind Gottes Abbild und sollen nicht allein sein. Darunter finden sich alle Möglichkeiten, die wir theologisch und geistlich zu erfassen suchen. Wir werden weiter Lernende bleiben müssen.“

 

„Ohne Lernen sieht die Zukunft dunkel aus“

 

 

„In der Identifikation eines ‚dritten Geschlechts‘ zeigen sich Ordnungen des Menschen, die sich weiter entwickeln werden. Unsere Gesellschaften sind lernende Systeme. Das wird auch höchste Zeit, weil ohne weitere Lernprozesse, auch für das Zusammenleben der Menschen untereinander und der Menschen mit der Schöpfung, die Zukunft dunkel aussieht“, so Ralf Meister, Bischof der hannoverschen Landeskirche, in seinem Bericht vor der Landessynode. Es gehe ihm nicht um eine rechtliche Einschätzung oder um praktische Folgen nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum dritten Geschlecht. „Es geht mir um die Akzeptanz der Vielfalt und einer Gesellschaft, die ihren evaluativen Umgang mit Eindeutigkeiten nicht in Normativität gießen darf.“

 

Eine Grenze zog der leitende Geistliche dennoch: So bleibe die Partnerschaft von Mann und Frau die biologische Voraussetzung für die Entstehung einer Familie mit Kindern. „Die multiple Elternschaft, die inzwischen dazu führen kann, dass bis zu vier oder fünf Personen die Eltern eines werdenden Kindes sein können, halte ich für höchstproblematisch.“ Die Leihmutterschaft lehne er in jeder Form ab, da in der Leihmutterschaft die Frau grundsätzlich ablehne, eine Beziehung zu ihrem Nachwuchs auszubilden oder es auch nur zu versuchen. Außerdem müsse jedes Kind einen Anspruch darauf haben, über seine Herkunft Bescheid zu wissen.

 

„Wer einem Menschen die Herkunft nimmt, raubt ihm einen Teil seine Identität“, zitierte Meister den ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber.

 

Gute Beispiele für neue Formen kirchlicher Arbeit würden in der anglikanischen Kirche erfolgreich gelebt. Auch in der hannoverschen Landeskirche hätte eine breite Diskussion begonnen, die von der neuen Formulierung der Kirchenverfassung bis hin zu missionarischen Projekten reiche. Es sei sinnvoll, die kirchlichen Kontaktfelder, die in die vielfältigen Lebenswelten hineinragen, etwa Kasualien, die Kitas, die Diakonie oder neue Gemeindeformen, besser zu fördern. Dazu sollte die grundsätzliche Haltung der Gastfreundschaft und Gastfreiheit eingenommen werden, z.B. die Öffnung von Kirchenräumen und die Schaffung einer kommunikativen Atmosphäre. Höchst relevante Handlungsfelder für die Mitgliedergewinnung und -bindung seien die Einladung zur Taufe, die Taufpraxis und die Tauferinnerung. Dabei sei es wichtig, auch mit Formen der Verbundenheit zu rechnen, die sich nicht mit dem offiziellen Kirchenmitgliedschaftsrecht decken.